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Xavier Gabriëls: "Unternehmen können sich nicht aussuchen, auf welche Herausforderung sie sich konzentrieren wollen. Sie müssen sie alle angehen."

TRIFINANCE Managing Director UND COO XAVIER GABRIËLS IM GESPRÄCH ÜBER DIE CFO-AGENDA
  • Unternehmen sind gezwungen, sich ständig zu verändern
  • Fachkräftemangel ist aktueller denn je
  • Plattformbasierte Cloud-Systeme haben einen großen Einfluss auf Unternehmen

Seit der Pandemie haben die Unternehmen erkannt, wie wichtig die Finanzabteilung ist, um auf den sich verändernden Markt zu reagieren", sagt TriFinance Managing Director und COO Xavier Gabriëls. Der Druck auf die Finanzabteilungen hat zugenommen und zwingt die CFOs dazu, ständig vorauszudenken und gleichzeitig die aktuelle Situation zu bewältigen.

Die Rolle des CFO unterliegt einem schnellen Wandel

Xavier Gabriëls steht seit 2018 an der Spitze von TriFinance und hat seit Januar 2020 die Rolle des Managing Directors und COO übernommen. Aus der ersten Reihe hat er miterlebt, wie sich Finanzabteilungen und die CFO-Rolle in den letzten Jahren rasant verändert haben.

Kontinuierliche Transformation

Welches sind die größten Herausforderungen, denen sich Unternehmen heute stellen müssen?

Xavier Gabriëls: "Es gibt drei große Entwicklungen, die Unternehmen heute berücksichtigen müssen. Erstens gibt es eine massive Beschleunigung, die die Unternehmen zu einem kontinuierlichen Wandel zwingt. Darüber hinaus können viele Unternehmen offene Stellen nicht besetzen, weil es nicht genügend Fachkräfte mit der richtigen Kombination aus Soft- und Hard-Skills gibt, um diesen Wandel zu planen und umzusetzen. Ein drittes Element ist die Entwicklung und Einführung von plattformbasierten (Cloud-)Systemen und deren Sicherheit, die einen großen Einfluss auf die Organisation und die Unternehmensabläufe haben."

Die Herausforderung mit mehreren Herausforderungen

Wenn Sie sich für eine Herausforderung entscheiden müssten, welche wäre das?

Xavier Gabriëls: "Das ist das Problem. Als Unternehmen kann man sich nicht den Luxus leisten, sich für eine Herausforderung zu entscheiden, auf die man sich konzentrieren möchte. Man muss sie alle angehen. Nehmen Sie die Hotelbranche. In der Vergangenheit hatte man als renommiertes Hotel Zeit, mit der Konkurrenz mitzugehen. Jetzt hat Airbnb mit seiner Plattform die Branche komplett auf den Kopf gestellt. Das Gleiche gilt für alle Unternehmen: Morgen kann ein Konkurrent auftauchen, der ihr gesamtes Geschäftsmodell untergräbt. Darauf muss man gefasst sein. Man muss in der Lage sein, schnell zu handeln. Und dafür braucht man die richtigen Leute."

Welche Auswirkungen haben diese Herausforderungen auf die Finanzabteilungen?

Xavier Gabriëls: "Die Finanzabteilungen betreiben traditionell Risikominderung durch Kontrolle, indem sie in die Vergangenheit blicken und von dort aus Prognosen für die Zukunft erstellen. Der Blick zurück bietet keine Garantie für die Zukunft. Das bedeutet, dass Unternehmen ein völlig anderes System der Budgetierung, der Berichterstattung und des Cashflow-Managements einrichten müssen."

Die meisten Transformationen scheitern, weil nicht genug über die neue Struktur nachgedacht wurde. Die Technologie hat den Wandel angeführt und die Mitarbeiter wurden nicht richtig geschult.

Die Priorität eines jeden CFOs

Wie gehen Sie als CFO damit um?

Xavier Gabriëls: "Die Priorität für jeden CFO ist profitables Wachstum und dafür braucht man zwei Dinge: Ihre Abteilung muss effizienter arbeiten können, also fangen Sie an, sich mit intelligenten digitalen Veränderungen zu beschäftigen. Und Sie müssen das Risiko bewerten und managen. Das klingt einleuchtend. Doch in der Praxis sehen wir, dass dies oft sehr schwierig ist.

Ein Teil der Erklärung liegt darin, dass die Finanzabteilung - heute mehr denn je - das Bindeglied zwischen vielen Abteilungen ist, von der Personalabteilung bis zum Vertrieb, von der IT bis zum Tagesgeschäft. Man braucht also Systeme, die die Daten genau erfassen und sammeln, was keine leichte Aufgabe ist.

Ein Unternehmen kann zum Beispiel ein Erfassungssystem beim Kunden und ein anderes internes Erfassungssystem haben. Oder die Rentabilität des Kunden ist nicht bekannt, weil das Unternehmen eine andere Plattform verwendet als die Finanzabteilung. Solche doppelten Systeme sind ineffizient und erschweren es, klare Erkenntnisse zu erhalten und Entscheidungen zu treffen."

Rekrutierung von Finance Professionals

Wie können CFOs diese Ineffizienzen beseitigen?

Xavier Gabriëls: "In erster Linie durch eine enge Zusammenarbeit mit ihren Kollegen, den anderen C-Level-Führungskräften im Unternehmen. Vorstand und Management werden immer multidisziplinärer und das ist eine gute Sache. Das bedeutet aber auch, dass CFOs lernen müssen, auf eine andere Art zu kommunizieren: Wie präsentiert man Finanzdaten anderen Entscheidungsträgern innerhalb des Unternehmens auf verständliche Weise? CFOs brauchen heute andere Fähigkeiten als nur reine Finanzkenntnisse.

Zweitens muss man die richtigen Leute für das richtige Projekt einsetzen. Auch innerhalb der Finance-Teams braucht man sehr unterschiedliche Professionals, die mit Veränderungen umgehen können, die die Systeme verstehen und die richtigen Fragen stellen können. Und damit sind wir wieder bei einer der Herausforderungen, die ich eingangs beschrieben habe: die richtigen Leute mit den richtigen Fähigkeiten zu finden."

Und die sind schwer zu finden?

Xavier Gabriëls: "Bei TriFinance rekrutieren wir selbst Finance Professionals und zwar in der Rolle eines Beraters. Wir stellen immer wieder fest, dass es eine große Herausforderung ist, die richtigen Mitarbeiter mit den richtigen Fähigkeiten zu finden. Deshalb engagieren wir uns sehr für das Lernen on the Job, die Weitergabe von Wissen und das Training von Mitarbeitern. Außerdem erfassen wir die Soft- und Hard-Skills, das Wissen und das Verhalten unserer Berater mithilfe eines speziellen Modells namens Behaviour, Skills & Knowledge Framework."

Clever digitalisieren

Glauben Sie, dass es eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen des Marktes und dem Lehrplan für Finanzwesen an Universitäten und Fachhochschulen gibt?

Xavier Gabriëls: "Berufe im Finanzbereich sind heute sehr dynamisch und bieten viele Möglichkeiten. Es ist wichtig, dass die Studierenden während ihrer Ausbildung versuchen, eine unternehmerische Denkweise zu entwickeln. Finanzabteilungen brauchen auch Datenspezialisten oder Spezialisten für die digitale Transformation."

CFOs übernehmen heutzutage oft die Führung bei der digitalen Transformation. Was muss bei diesem Prozess beachtet werden?

Xavier Gabriëls: "In erster Linie muss man intelligent digitalisieren, um nicht bestehende Probleme zu digitalisieren. Es müssen gute Strukturen etabliert werden. Die meisten Transformationen scheitern, weil nicht genug über die neue Struktur nachgedacht wurde, die Technologie die Führung übernommen hat und die Mitarbeiter nicht richtig geschult wurden. Ich denke, die wichtigste Lektion ist: Es gibt kein One-Size-Fits-All-Ansatz. Jedes Unternehmen und jede Finanzabteilung hat ihren eigenen Weg zu gehen. Mit den richtigen Daten und Prozessen zu beginnen ist eine unabdingbare Voraussetzung für die richtige Digitalstrategie bzw. KI-Implementierung."

Zero-Based-Budgeting

Gibt es ein Konzept, auf das Sie aufmerksam machen möchten?

Xavier Gabriels: "Zero-Based Budgeting. Die Frage ist: Wie stellt man ein Budget so auf, dass man nicht einfach das Budget des letzten Jahres anschaut und zwei Prozent draufschlägt, sondern bestehende Budgetposten zur Diskussion stellt.

Die Finanzabteilung sollte sich immer wieder fragen, ob die Organisation bestehende Kostenstellen, Ausgaben usw. beibehalten sollte. Das ist eine sehr wertvolle Übung, um bestehende Ineffizienzen zu beseitigen. Und das Unternehmen kann das auf diese Weise frei werdende Budget als Puffer nutzen oder für neue Dinge verwenden, die wirklich wichtig sind, wie Digitalisierung oder Marketing. Das ist ein sehr effizienter Weg, um innovativ zu sein und der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein."

Übersetzt und angepasst von einem Interview, das zuvor im "House of Executives” veröffentlicht wurde.